Ein Tag in Jerusalem (Nachtrag)
Ein besonders heisser und schwüler Tag in Tel Aviv ist ein Grund mehr nach Jerusalem zu fahren. Jedesmal sind unsere Gefühle dabei aufgeladen. Los geht’s von der bereits erwähnten Central Busstation, dem labyrintartigen Escher-Ungetüm im sechsten Stockwerk. Über die lange startrampenartige Überführung verlassen wir das erste Mal die heile Welt, die sturmfreie Bude, die Bubble Tel Aviv. Wir fahren an Feldern und kleinen Ortschaften vorbei, passieren ein seltsames Kraftwerk, das an Terry Gilliams Fantasiegebilde erinnert – mit riesigen Schläuchen, die sich überkreuzen und gegenseitig umwinden. Es geht langsam ins bergige Land über, schön bewaldet und tiefgrün. Vor uns sitzt ein Soldat. Er schläft und hat das Gewehr locker zwischen den Beinen hängen. Die Straße wird kurvig und schlängelt sich in Serpentinen den Berg hinauf. Dann die ersten Häuser der Stadt. Links und rechts auffallend mehr orthodoxe Juden, in schwarzem Mantel – dem Tallit – Hut oder Kippah, den Schläfenlocken (Peyes) und Zizit – den weissen Bändchen. Die Frauen sind etwas unauffälliger gekleidet, meist mit Kopftuch oder Scheitel, einer Perücke, die die Haare verdecken sollen und langem Rock. Wir erreichen die Central Busstation von Jerusalem in der Neustadt. Angekommen fühlt es sich irgendwie komisch an, anders, viel stiller und angespannter. Vielleicht sind es auch nur wir. Die Strassen sind sehr weit, wir haben gehört, dass Einiges umgestaltet und erneuert wurde, es sieht richtig schön aus. Die Strassenbahn fährt seit einem Monat Probe, auf den Sitzen liegt noch die Noppenfolie. Keiner darf einsteigen. Wir laufen an Geschäften vorbei, in denen die Musik entweder aus- oder die Lautstärke ganz leise ist. Die Religiöse Färbung der Stadt macht sich sogar in den Cafès und Bistros bemerkbar – wir laufen an einem Laden mit der Aufschrift „Holy Bagel“ vorbei. Wir fühlen uns ein bisschen wie in Omas feiner Stube. Alles hat seinen Platz und nach Möglichkeit soll nichts angerührt werden. Wir schlendern über den Suk, der ordentlich sortiert und sehr einladend ist. Durch den “Independence Park” dann in Richtung Altstadt – ist das schon die Mauer? Es ist heiß, aber zum Glück ist die Luft viel trockner als im dampfigen Tel Aviv. Nun erblicken wir die Altstadt wirklich. Vor uns befindet sich eine Grünanlage, die wir durchlaufen, die Artist-Studio-Street entlang durch kleine Steinpfade, die den Weg durch ihre Kurven noch etwas in die Länge ziehen und uns immer ungeduldiger werden lassen. Endlich erreichen wir ein Tor. Natürlich werden wir am Eingang erst einmal kontrolliert, die Taschen werden durchsucht und wir müssen durch den Detektor laufen, wie am Flughafen. Auf dem Platz hinter dem Tor – die Kulisse der Stadt beginnt gerade ihre Wirkung zu entfalten – sehen wir die Soldaten. Wir haben uns eigentlich schon an sie gewöhnt. Auch in Tel Aviv gehören sie zum Stadtbild. Das Gewehr beiläufig am Rücken baumeln, oder an den Stuhl gelehnt im Kaffee. Die hier sind anders. Schwere Soldaten. Schusssichere Weste, Sturmgewehr, mehrere Pistolen, Munition, Schlagstock, Funk, Mikrofon. Die Sonnenbrille verhindert jeden Blickkontakt, aber man spürt ihre Alarmbereitschaft. Sie durchkämmen die gesamte Altstadt, bewachen die strategischen Punkte, blockieren Straßen, sichern Plätze und Checkpoints.Unterstützt von hunderten Kameras und vielen weiteren Einheiten. Die ganze Altstadt ist ein Hochsicherheitstrakt.
Von dem Platz aus lassen wir uns treiben und schlendern durch die winzigen Gassen, die sich durch die Altstadt winden und mitunter zu dunklen, tunnelartigen Gängen verdichten. Dort gleichen sie eher einem Labyrinth, als einem Straßennetz. Wir geraten in den Touri-Suk, in dem es alle nur erdenklichen Devotionalien gibt – auch Spongebob- und Spidermankippahs. Vorbei an einer der Touristenhorden sind wir froh wieder in eine der Seitengassen zu tauchen. Einheimische Kinder spielen, verkaufen Snacks und Drinks, führen Botengänge aus. Wir sind mittlerweile im arabischen Teil der Altstadt, laufen durch den Lebensmittelmarkt bis wir an einem weiteren Durchgang von israelischen Soldaten gebeten werden, umzukehren. Den Bereich um den Felsendom und die Al Acqsa Mosche dürfen Touristen, wenn überhaupt nur zu festen Zeiten besuchen. Wir irren herum, verlieren uns in dem fernöstlichen Getummel der Märkte und stehen nach einem weiteren Checkpoint unvermittelt auf dem Platz an der Klagemauer. Gemischte Gefühle tun sich auf. Neben Trauben von Touristen stehen wieder diese stark bewaffneten Soldaten über den ganzen Platz verteilt. So fünfzig an der Zahl…
Beim Anblick der Klagemauer, welches das größte Heiligtum der Juden darstellt und der einzige Überrest des letzten Tempels ist, begreifen wir ein wenig die Ursache des religiösen Konfliktes in diesem Land. Für die gläubigen Juden ist der Tempel fundamentale Grundlage für ihr Verhältnis zu Gott. In der Bibel steht geschrieben, dass bereits ein Fehler in der Bauart, Gottes Zorn schürt. Ohne den Tempel ist es daher eigentlich unmöglich, überhaupt vor seinen Herrn zu treten. Jetzt steht genau an dieser Stelle der Felsendom, muslimisches Heiligtum und die Stelle, an der Mohammed sein beflügeltes Pferd angebunden hat, bevor er in den Himmel aufgestiegen ist. Was also tun? Eine Prophezeihung sagt, daß eines Tages ein neuer Tempel auf einem riesigen Diamanten vom Himmel auf seinen angestammten Platz herabfahren wird. Das würde das “Problem” mit dem Felsendom lösen. Dann gab es jedoch Bedenken, ob dieses Ereignis überhaupt eintreffen würde, solange der Felsendom noch steht, wo er steht. Also hatte – so erzählt man uns - ein Rabbi die Idee, daß, wenn man den Dom beseitigte, dadurch der Lauf der Dinge etwas beschleunigt werden könnte. Ein Ingenieur war findig genug, auszutüfteln, wie es anzustellen wäre: mit Sprengstoff! Der Rabbi bekam daraufhin Bedenken, doch der Ingenieur argumentierte ganz logisch: wenn die Möglichkeit dieser Tat besteht, dann ist sie auch von Gott gewollt … Gott sei dank kam es nicht dazu. Es ist ein nahezu unlösbares Unterfangen, diesen Zwist der Religionen lösen zu wollen. Er sollte uns noch einige Tage beschäftigen.
Wir wollen uns noch weiter umschauen, aber wir müssen weiter. Wir sind mit Avi Sabah in seinem Kunstraum Barboun verabredet. Es ist etwas kompliziert die Galerie zu finden, doch hilfsbereite iPhone-Besitzer zeigen uns via Googlemap den Weg. Der Raum befindet sich in einer stimmungsvollen Umgebung, hübsche alte Häuser, die allerdings auch von Armut zeugen. Dazwischen die renovierten Häuser der zugezogenen Wohlhabenden. Wir betreten den Ausstellungsraum, kleiner aber einladend, der seit sechs Jahren von zwei Künstlern betrieben wird. Grundrenoviert wurde dieser Raum durch eine satte finanzielle Unterstützung von einer Stiftung aus der Schweiz. Seitdem werden, sehr ambitioniert, im Monatstakt nationale und internationale Künstler ausgestellt. Barboun ist einer der wenigen Ausstellungsräume überhaupt in Jerusalem. Wir erfahren, dass es hier trotz der Kunstakademie Bezalel, die ihren Erstsitz in Jerusalem hat, sehr schwer ist, kommerziell Kunst zu vermitteln. Die Situation der Stadt ist zu unsicher und in ihr das Wagnis einer kommerziellen Galerie zu groß. Krieg ist für Kultur eben unfruchtbarer Boden. Er selbst ist vor einem Jahr nach Tel Aviv gezogen und empfindet dies als große Erleichterung. Obwohl es uns während unseres Besuches scheint, dass verhältnismäßig viele den Raum aufsuchen, erzählt uns Avi, dass es sein Anliegen ist, den Raum akommerziel zu belassen. Über Wasser hält er sich durch eine Professur und seine Kunst. Gegen Abend wird es hier richtig frisch und nach Sonnenuntergang fahren wir gemeinsam zurück Richtung Tel Aviv. Beim Verlassen der Stadt fahren wir an einem großen Fahrzeug vorbei. Friedemann fragt, ob es sich dabei um eine Art Panzer handelt – nein es ist ein Wasserwerfer und Avi erzählt uns, dass es am Vortag eine Demonstration der orthodoxen Juden für die Freilassung eines Rabbi gab. Er hat ein Buch herausgebracht, in dem er eine Stelle der Thora neu auslegt. Die Tötung nichtjüdischer Menschen, insbesondere Moslems wird darin in gewisssen Ausnahmesituationen befürwortet. Die Polizei bat den den Rabbi zur Befragung, er ist aber nicht erschienen und wurde darauf hin in Gewahrsam genommen. Nicht alle Demonstranten sind seiner Meinung, sondern gegen einen unrechtmäßigen Umgang mit einem Rabbi, unsere Verwirrung nimmt weiter zu. Am selben Abend sollte eine noch viel größere Demonstration stattfinden. Mit gemischten Gefühlen kehren wir in die belebte Vitalstreet zurück, in der alle wie gewohnt in der Kneipe sitzen und feiern.